Unter dem Titel "Altvertraute Rituale geben Halt - wie kleine Alltagsrituale Stabilität und Sinn schenken" referierte Elisabeth Graml im Festsaal von St. Vinzenz.
Die Gründerin der InSiLa Akademie und selbst pflegende Angehörige begleitet Menschen mit praxisnahen Vorträgen und Angeboten im Gesundheits- und Pflegebereich.
Zu Beginn setzte Graml ein bewusstes Zeichen: Sie zündete eine Kerze an. Nicht, weil jedes Ritual so beginnt - sondern weil Rituale immer mit einer kleinen, bewussten Handlung starten. Diese Handlung macht den Moment besonders und markiert einen Übergang.
Im Anschluss griff sie das aktuelle Thema auf und fragte die Teilnehmer nach Ritualen rund um das Osterfest. Schnell wurde deutlich, wie präsent diese im Alltag sind: Osterfrühstück, Eier färben, Osternester verstecken oder die Eiersuche. Rituale begleiten viele Menschen seit der Kindheit und bleiben oft ein Leben lang bestehen.
Im weiteren Verlauf erklärte Graml die grundlegende Bedeutung von Ritualen. "Wenn Anthropologen Kulturen auf der ganzen Welt untersuchen, stellen sie fest: Es gibt keine Kultur ohne Rituale." Ob in Europa, Asien, bei indigenen Völkern oder in religiösen Gemeinschaften - Rituale gehören zur Grundstruktur menschlichen Lebens. Sie geben Orientierung, indem sie Übergänge markieren, schaffen Gemeinschaft und verleihen Ereignissen Bedeutung.
Dabei wirken Rituale nicht nur auf kultureller Ebene, sondern auch im menschlichen Erleben und im Körper. "Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit", so Graml. Wiederkehrende Handlungen vermitteln Sicherheit und können gerade in Zeiten von Stress, Krankheit, Veränderung oder Unsicherheit stabilisierend wirken.
Ein weiterer Aspekt war die enge Verbindung von Ritualen mit unseren Sinnen. Besonders Düfte spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie direkt mit dem Emotionszentrum im Gehirn verknüpft sind. Deshalb sind sie häufig Bestandteil von Ritualen - sie können Erinnerungen wachrufen und Gefühle unmittelbar beeinflussen. Die Teilnehmer konnten dies direkt erfahren, als verschiedene Duftnoten verteilt wurden, die unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen hervorriefen.
Graml betonte, dass Rituale keineswegs aufwendig sein müssen. Oft sind es kleine, bewusste Handlungen im Alltag, die eine große Wirkung entfalten können: ein Moment der Ruhe, eine Tasse Tee, ein kurzer bewusster Übergang im Tagesablauf. Gerade in herausfordernden Situationen können solche Rituale helfen, wieder Orientierung und innere Stabilität zu finden. "Sie geben Struktur, wenn alles durcheinander scheint", erklärte die Referentin.
Zum Abschluss wurden die Teilnehmer selbst aktiv: Auf farbigen Karten gestaltete jeder seinen persönlichen "Anker" - ein kleines Ritual, das im Alltag Halt geben kann. Die individuell gestalteten Karten sollen im Alltag sichtbar bleiben und daran erinnern, sich bewusst kleine Momente der Ruhe und Stabilität zu schaffen.
Betreuungsleiterin Ingrid Schnell betonte, dass auch im St. Vinzenz Rituale eine wichtige Rolle spielen, etwa beim gemeinsamen Palmbuschenbinden am selben Tag. Als Dank überreichte sie Elisabeth Graml einen von den Bewohnern gestalteten Palmbuschen.
Die nächste AusZeit im St. Vinzenz findet am 20. April um 15.00 Uhr statt. Referent Sepp Matsche widmet sich dann dem Thema "Frühlingserwachen - Die Kraft der Erneuerung" mit einer kleinen Kräuterwanderung.
Quelle Text und Foto: PNP, Johanna Maier